Auf Reisen

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Speisewagen im Orient Express

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre eine reiche Lady im frühen 20. Jahrhundert und würde im Orient Express verreisen, natürlich mit Zofe und Gesellschafterin, die mir jeden Wunsch von den Augen abläsen. Im exklusiven Speisewagen würden zum Dinner nicht nur die erlesensten Köstlichkeiten serviert, auch die besten Weine würden in kunstvoll geschliffene Gläser gefüllt. Über allem schwebt geistreicher Smalltalk, währenddessen mein Abteil für die Nacht hergerichtet wird.

So etwas gibt es ja heutzutage nicht mehr. Wenn man sich die Bordrestaurants heutiger Intercities ansieht, da möchte man wirklich nicht länger als unbedingt nötig bleiben. Statt aufwändiger Menüs gibt es Rührei aus dem Tetrapack und statt Rheingauriesling im Waterfordkristall Dornfelder im Pressglas. Statt eines Feuerwerks funkelnder Aphorismen einseitige Handykommunikation höchstpersönlichen Inhalts, wobei man nach 5 Minuten unfreiwilligem Mithörens nicht umhin kommt, sich zu fragen, ob Petra sich nicht wirklich besser von Linus trennt, und wieso sie noch nicht bemerkt hat, dass der sie mit Vera schamlos betrügt. Ganz abgesehen von der unaufgeforderten Kenntnisnahme der detaillierten Schilderungen des letzten Besuches beim Frauenarzt.

Ach würde jetzt ein gutes Glas Wein eine hoch willkommene Köstlichkeit sein. Voraussetzung ist ein bequemer Fensterplatz, von dem aus man die Landschaft an sich vorbei fliegen sieht, die Lieblingsmusik im Kopfhörer, ein vernünftiges Glas, falls erforderlich ein ordentlicher Korkenzieher und ein gut temperierter Wein. Gott sei Dank bieten viele Erzeuger ihre Weine in der so genannten halben Flasche an (0.375 l), genau die richtige Reisegröße. Für die richtige Temperatur sorgt gegebenenfalls eine Kühlmanschette.

Kaub rhein

Rheinpfalz Kaub

Und dann – der Weg ist das Ziel – auf in den IC auf der wunderbaren Strecke entlang des Rheins (die Anwohner sehen das allerdings teilweise anders 😉 ) von Köln bis Mainz, entlang des Loreleyfelsens und des Mittelrheintals, das inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, vorbei an Weinbergen und Burgen, wie z.B. die Rheinpfalz bei Kaub. Dazu gehört natürlich ein Glas Riesling, so ein frischer, knackiger, mit seinem typischem Duft nach Weinbergpfirsich und Honig, der kühl und leicht salzig über die Zunge rollt. Dann summt man doch wirklich „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …“ und findet es kein bisschen kitschig.

Zwischendurch sollte man aussteigen und sich umsehen, z.B. in Bingen, wo der berühmte Mäuseturm steht, in dem der Sage nach der Erzbischof Hatto I. von Mainz von Mäusen gefressen wurde. Immerhin treffen in Bingen vier deutsche Weinbaugebiete zusammen: Rheingau, Nahe, Mittelrhein und Rheinhessen. Allesamt bekannt für hervorragende Rieslinge. Das schreit doch geradezu nach einem Vergleich in einem Weinlokal zusammen mit regionalen Köstlichkeiten wie z.B. einer feinen Schweinssülze oder Spundekäs.

Das würde einen fast mit den Widrigkeiten heutiger Bahnreisen versöhnen.

 

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