Mein Herz schlägt für Cahor!

Es ist mal wieder Weinrallye-Freitag und diesen Monat hat Dorit Schmitt auf ihrem Blog Château et Chocolat, inspiriert durch den Ausländer-Volksentscheid in der Schweiz, eingeladen, sich zu “Ausländern im Weinregal” oder “Immigranten im Glas” Gedanken zu machen.

 

 

 

Da ich die meiste Zeit meines Lebens selber als Ausländer in der Fremde verbracht habe, halte ich mich eigentlich für ausgesprochen kosmopolitisch … Ich finde mich weltoffen, tolerant, habe wenig Vorurteile … und trotzdem! Ab und zu wird man dann doch mit dem eigenen Tellerrand konfrontiert.
Huch! 😉

Ein kleiner Schwank aus meinem Leben:

Jedes Jahr, wenn ich mit den Super Schoppen Shopper Verkostungen beschäftigt bin, eröffne ich in meinem Vorgarten den “Cordula’s Take-Away”: Alle Weine, die eine Beurteilung von 3 oder 4 Gläsern bekommen haben (also die besseren), werden nicht im Labor-Gulli entsorgt, sondern abends an die Nachbarn verteilt.
Eine Tradition, die zu einem wesentlich geselligeren Nachbarschaftsverhältnis geführt hat! 🙂

Eines Tages kam der Nachbar in Begleitung eines schüchternen Mannes: Andrej, der Gärtner … aus Moldawien. Ob Andrej wohl auch einen Wein aussuchen dürfe?
Was für eine Frage! Na klar!
Es kostete viel Überredungskunst den bescheidenen Kerl zu überzeugen, dass er bedenkenlos zugreifen dürfe. Fortan kam Andrej immer am späten Abend, um sich etwas von dem mitzunehmen, was die anderen Nachbarn hatten stehen lassen.
Als er ein paar Wochen später, in den Sommerferien, Urlaub in seiner Heimat machen wollte, packte ich ihm für die 3-tägige Busreise eine “Proviantkiste” zusammen. 12 angebrochene Verkostungsflaschen für unterwegs – zum Teilen mit den Mitreisenden. Er freute sich ein Loch in den Bauch und versprach, sich zu revanchieren.
“Nicht nötig, Andrej, du hast die Weine vor dem Gulli gerettet!”
(Als kleine Erklärung für diejenigen, die noch nicht im Bilde sind: Mein Team und ich verkosten jährlich ca. 1.800 Weine in einem Zeitraum von 10 Wochen. Aus jeder Flasche wird ein kleiner Schluck entnommen – der wird geschlürft, im Mund herumgespült und wieder ausgespuckt. Der Rest der Flasche – ca. ¾ des ursprünglichen Inhalts – kommt entweder in den Gulli oder eben zu den Nachbarn …)

Wie auch immer …
6 Wochen später klingelte es an meiner Haustür und vor mir stand Andrej mit einem großen Grinsen und einer Flasche Wein: “Ein Geschenk für dich! Eine Spezialität aus meiner Heimat! Ganz berühmt!”

“CAHOR – VIN DE DESERT ROSU DULCE”, prunkte auf dem rot-goldenen Etikett.
Mir schauderte! Süßer Ostblockwein!!!!
Mir fielen die ganzen abgeblitzen Horrortropfen aus dem Super Schoppen Shopper ein. Ich bedankte mich höflich und stellte die Flasche ganz weit hinten ins Weinregal, damit sie nicht versehentlich gefunden würde … (SCHÄM DICH, CORDULA!!!!)

 

Und jetzt ist es Weinrallye … Immigranten im Glas … Der Auftrag, sich Gedanken zu machen und so weiter …

Wo liegt eigentlich Moldawien? Irgendwo im Osten, klar … aber wo genau? Ich google mal!

Endlose Hügellandschaften zwischen den Karpaten und dem Schwarzen Meer mit idealen Weinbaubedingungen.” “Zu vergleichen mit Top-Regionen wie Burgund, Piemont und der Toskana.”

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus!

Wein ist der wichtigste Wirschaftszweig der Republik Moldau. 25% des Außenhandels des Landes wird mit Wein abgedeckt, der Rebsaft sorgt für fast 10% des Bruttosozialsprodukts. Etwa 70% der hergestellten Weine sind Weißweine, der Rest ist Rot. Trockene, charaktervolle Weine aus den internationalen Rebsorten bilden die Basis des Angebots: Chardonnay, Pinot Gris, Riesling, Cabernet Sauvignon, Merlot und Pinot Noir
Und natürlich gibt es auch jede Menge Namen, die ich noch nie gehört habe: Saperavi, Kagor, Zamfira
Auch Schaumweine aus Moldawien brauchen sich angeblich qualitativ nicht zu verstecken.

Und dann gibt es noch diese ganz feine, ausgesuchte lokale Spezialität: Cahor!
Ein Dessertwein aus Cabernet Sauvignon und Malbec, dessen Geschichte zurück geht bis zu den napoleonischen Kriegen:
Plötzlich waren die begehrten Weine aus dem berühmten französischen Cahors nicht mehr zu bekommen und einige eifrige Mönche machten sich an die Arbeit, um den Verlust auszugleichen.
Die ersten Versuche waren wohl nicht so gelungen – also reicherte man den selbstgemachten Messwein mit Honig an. Und ganz schnell war man auf den Geschmack gekommen … 😉

Ja! Ich schäme mich!
Aber fast schlimmer als die Scham ist das Gefühl, dass ich doch beinahe etwas Großartiges verpasst hätte … vor lauter blöden Vorurteilen:

Diesen samtigen, herbsüßen Traum aus Mokkaschokolade und reifen Pflaumen!
Ich brauche dazu kein Dessert … 😉

Ich lade Andrej demnächst mal zum Essen ein!

 

 

 

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Dorit sammelt  hier alles, was den Kollegen eingefallen ist. Viel Vergnügen bei der Weinrallye!

 

 

 

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