Weinlese – nicht nur Arbeit, auch Vergnügen

WeinleseJetzt sind wir wieder mitten drin in der Weinlese. In allen Weinbaugebieten der nördlichen Hemisphäre sieht man je nach Anwesen entweder große Vollernter durch die Weinfelder tuckern oder viele fleißige Helfer mit Scheren und Körben bewaffnet durch die Rebzeilen gehen, immer in gebückter Haltung. In Frankreich, vor allem im Bordelais und im Burgund, sieht man an den Enden der Weinfelder kleine Transporter stehen, Minivans, immer weiße, an ein paar Ecken Rostflecken, staubbedeckt und mit kleineren Dellen.

C’est la période des vendanges, Lesezeit, ein wichtiges Datum in Kalender vieler französischer Schüler und Studenten, die sich bei den Winzern und Weinbauern als Erntehelfer verdingen. Weinlese, die praktischerweise in diese wunderbare geschenkte Zeit zwischen Abitur und Studienbeginn fällt, das gehört für viele französische Jugendliche zu den Freuden des Erwachsenwerdens, wie der erste Urlaub mit den InterRail-Ticket (die Älteren unter uns erinnern sich noch) oder per Autostopp. Mit einem Touch Schullandheimromantik.

Und die französischen Eltern lassen ihre Kinder unbesorgt unbeaufsichtigt losziehen. Wissen sie doch, dass ihre Sprösslinge nach der schweren Arbeit im Weinberg abends rechtschaffen müde sind und keine große Lust haben, noch großartige Abenteuer zu erleben. Und die höheren Söhne und Töchter sollen ruhig einmal erleben, wie körperliche Arbeit schmeckt. Allerdings müssten die Eltern sich doch noch an ihre eigenen Vendanges erinnern, damals, als man beim abendlichen Grillen, wenn der Winzer ein paar Flaschen seines Rouge du Pays springen ließ, der Marie-Hélène oder dem Fabien näher kam. Und man am anderen Morgen nicht nur wegen der Morgensonne mit Sonnenbrille zur Arbeit erschien.

Für den hoffnungsvollen akademischen Nachwuchs sieht die Erntehilfe in der Regel wie folgt aus: Zu einem festgelegten Termin finden sich die bisher wohl behüteten Abiturienten im Weingut ein. Der Winzer stellt in der Regel eine Wiese zum Zelten oder eine an einen Internatsschlafsaal der frühen 1920er Jahre gemahnenden Raum für Isomatten und Schlafsäcke zur Verfügung.

BütteAm ersten Arbeitstag wird die Einteilung vorgenommen. Während die Mädchen eher als Pflückerinnen eingesetzt werden, müssen die Jungs die so genannten bottes tragen, Plastikkegel von ca. 50 l Fassungsvermögen, in die die abgeschnittenen Trauben gefüllt werden. Übrigens nicht nur, weil man die Herren für durchweg kräftiger hält. Die Damen, so sagen die erfahrenen Erntehelfer, die das Jungvolk beaufsichtigen, hätten den besseren Blick, die korrekt gereiften Trauben zu erwischen, wenn man ihnen einmal erklärt hätte, auf was zu achten wäre.

Das bekannte und beliebte Zerquetschen von Trauben mit Füßen wird nur noch sehr selten angewandt, aber wenn, so fällt diese Aufgabe auch in den Zuständigkeitsbereich der studentischen Hilfskräfte, die das immer mit besonderem Vergnügen erledigen.

Der Winzer stellt in diesem Arrangement Übernachtungsmöglichkeit, Verpflegung und ein kleines Taschengeld. Und an freien Tagen ist Zeit, die Umgebung zu erkunden. Dummerweise sind die freien Tage in der Erntezeit immer die Regentage. Da machen es sich die Erntehelfer dann in ihren Zelten gemütlich. Und abends steht meistens Grillen, Lagerfeuer mit Gitarrenmusik (irgendeiner hat immer eine) sowie Pflegen zwischenmenschlicher manchmal auch internationaler Beziehungen auf dem Programm.

Vielleicht lässt sich die Liebe der Franzosen zu ihrem Wein auch damit erklären. Wer einmal mit seinen eigenen Händen mitgearbeitet hat, der weiß den Wein einfach viel mehr zu schätzen, als wenn er ihn nur aus den Auslagen seines Weinhändlers oder Supermarkts kennt. Natürlich ist es auch Ehrensache, dass die Jugendlichen auch als Erwachsene dem Wein die Treue halten, bei dessen Ernte sie mitgeholfen haben.

Wer auch einmal in Frankreich bei der Ernte mithelfen will, kann entweder auf gut Glück das Weingut seines Vertrauens anschreiben (allerdings, den Zahn kann ich Euch gleich ziehen, bei den Premiers Crus in Bordeaux oder den renommierten Gütern im Burgund hat man keine Chance) oder man wendet sich an eine Organisation, die derartige Jobs vermittelt. Erste Informationen findet man hier. Und in ein paar Jahren sucht Château Cordula dann die ersten Erntehelfer. Bis dahin könnt ihr in Frankreich ja ein wenig üben.

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